Platos (1999)

 

 

 

 

 

 

 

Paperwork als Vermessung von "Innen" und "Außen"?

Charles Sanders Peirce, Bruno Latour, Dieter Roth


Ich habe die Platzierung meines Vortrags durch die VeranstalterInnen so verstanden, dass ich unter anderem der Aufgabe nachkommen möchte, eine Verbindung zwischen der letzt- und der diesjährigen Tagung an diesem wundervollen Ort herzustellen. Dies hatte ich auch vor und war von meinem ursprünglichen Plan, mich ausführlicher und expliziter mit dem Projekt "Wissen im Entwurf" zu konzentrieren, bereits abgekommen, bis mir dann bei einem Treffen mit Uwe Wirth letzte Woche klar (gemacht) wurde, dass dabei – beim Verbinden der beiden Tagungen – Peirce graphische Praxis erneut eine Rolle spielen sollte.

Und ich muss zugeben, dass es sich natürlich aufdrängt, eine Verbindung zwischen Latours Paperwork-Modell und Peirce graphischer Praxis herzustellen. Dies werde ich im ersten Teil meines Vortrags in sehr komprimierter Form versuchen, um darauf am Beispiel einer Ateliervermessung Dieter Roths und in Bezugnahme auf Latours Aufsatz zum Pedologenfaden eine Verbindung zum zweiten großen Bereich der Papierarbeit neben der Wissenschaft herzustellen, nämlich dem der Kunst.


Beim erneuten Lesen und Betrachten von Inskriptionen der drei Denker, um die es in meinem Vortrag gehen wird, kam mir die Frage in den Sinn, ob es bei jeglicher Form des Paperwork nicht auch um die Vermessung der unsichtbaren, instabilen, ephemeren Grenzen dessen geht, was gemeinhin als Innen und Außen beschrieben oder ge-zeichnet wird.

So lassen sich die grundlegenden Funktionsweisen sowie die epistemische Relevanz der graphischen Praxis von Peirce recht überzeugend mit Hilfe des kognitionswissenschaftlichen Modells des "Extended Mind" beschreiben. Einem Modell, das auf der Annahme eines sich auf die Außenwelt ausdehnenden Geistes basiert. Peirce fomuliert diese Erkenntnisweise eines "coupled systems" wie es Clark/Chalmers nennen und das als Kopplung von "mind" und Welt die Grenzen von Innen und Außen scheinbar überschreitet, in seinen Schriften zum Pragmatismus.


Im "Paperwork" Latour'scher Prägung geschieht genau dies, wenn papierne Inskriptionsträger zu Destilierkolben und Reagenzgläsern des Denkens werden, wie man in Anlehnung an eine Passage von Peirce zum Laborcharakter des Denkens formulieren könnte.


Weiter führt Peirce zur Wechselwirkung von Außenwelt, sinnlicher Wahrnehmung und Schlussfolgern in seinem Aufsatz "Pragmatism as the Logic of Abduction" von 1903 aus,


# Abb. "nothing is in the intellect... "

Platos (1999)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


dass – erstens – "nothing is in the intellect that is not first in the senses",

zweitens "perceptual judgements contain general elements" und

drittens "abductive inference shades into perceptual judgement without any sharp line of demarcation between them".


Eher in Form einer Assoziation als einer belastbaren These stellte sich mir dann beim Wiederlesen von Latours philosophischem Essay zum Pedologenfaden die Frage, ob dessen suggestive Kraft nicht auch damit zusammenhängen könnte, dass es bei der darin – mit viel Sympathie für die schwitzenden, kämpfenden Akteure beschriebenen – unmöglich scheinenden Aufgabe, nicht auch um das Vermessen eben dieser unsichtbaren Grenze von Innen und Außen geht, die für jegliche Form von Erkenntnis in verschiedenen Hinsichten konsitutiv ist.


Darauf fand ich mich schließlich bei meiner dritten Re-Lektüre, einer mich schon lange beschäftigenden Ateliervermessung Dieter Roths, die dieser unter dem Titel "Essay Nummer 11" veröffentlichte, wiederum mit dieser Frage konfrontiert.

Hier geht es, wie in vielen anderen Arbeiten Roths, um die Unmöglichkeit des fixierenden Aufzeichnens eines "Selbst", um eine Aporie also, die sich nicht nur für Roth als äußerst produktiv erwiesen hat und die sich ebenfalls entlang dieser nicht vermess- und darstellbaren Grenze enfaltet.

Roth protokolliert im einsamen Nachdenken im Atelier, dem inneren Monolog lauschend und nach der Herkunft dessen fragend, was er da hört, das Gehörte versuchsweise flüsternd oder laut aus- oder nachsprechend. Im Aufschreiben bzw. -zeichnen bahnt sich dieses scheinbar Innere einen Weg nicht nur ins vermeintliche Außen, primär bahnt es sich eine Spur auf dem Papier, eine Inskription, deren Verlauf unvorhersehbar ist.


Ich mute Ihnen also einen weiten Bogen zu, von dem ich noch nicht sicher weiß, ob er nachvollziehbar sein wird.


Nun aber zunächst zu Peirce.


1. Peirce graphische Praxis als Paperwork


# Abb. Manuskripttapete

 

Platos (1999)
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Ein Wissenschaftler, dessen Paperwork bislang wenig Beachtung gefunden hat und der bislang auch als Theoretiker des Paperwork wenig rezipiert wurde, ist Charles Sanders Peirce, über den ich letztes Jahr an dieser Stelle wie gesagt schon einmal gesprochen habe.


Rein materiall handelt es sich dabei um ein Korpus von ca. 100.000 Seiten, die mit Text in handschrfitlicher Form, aber eben auch zu einem beträchtlichen Teil mit zeichnerischen Inskriptionen gefüllt sind. Dieses graphische Œuvre ist von großer Heterogenität, die unter anderem eine Folge der multidisziplinär ausgerichteten Forschungen von Peirce ist, der in einer Fülle von Disziplinen eigene ernstzunehmende Experimente anstellte und in einer noch größeren Zahl von Disziplinen den Stand der Foschung rezipierte und kommentierte. All dies führt zu Inskriptionen auf Papier – als Speichermedium zur Aufbewahrung von Daten, aber vor allem als materielle Spur auf Graphie basierender Experimentalsysteme.


Dass sich in Peirce' Manuskripten scheinbar alle von Latour und anderen aufgeführten Verfahren des Paperwork finden lassen, will ich an einem kurzen Überblick veranschaulichen. Wichtig ist mir dabei das transdisziplinäre methodische Potenzial seiner graphischen Praxis, sowie deren abduktiver Charakter besonders in den seriellen graphischen Experimenten.


# Abb. Überblick graphische Praxis anhand von Beispielen...

Platos (1999)
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In Latours Aufsatz "Drawing Things Together" wird über Inskriptionen unter anderem als "immutable mobiles" gesprochen, das heißt primär als bereits Aufgezeichnetes und weniger über den Prozess des Aufzeichnens.


 

# Abb. Curve Studies

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Im vergangenen Jahr hatte ich die Relevanz des Prozeduralen, der Performativität sowie der Serialität unter anderem anhand dieser Serie von topologischen Kurvenstudien zu zeigen versucht.

Im Hinblick auf diese Dimension des Paperwork, ließe sich also über eine Verschiebung des Fokus oder eine Erweiterung des Begriffs in Richtung des Prozeduralen diskutieren, wie Christoph Hoffmann in der Einleitung des von ihm herausgegebenen Bandes "Daten sichern. Schreiben und Zeichnen als Verfahren der Aufzeichnung" feststellt.

Sehr überzeugend ist bei Latour die epistemische Funktion von Materialität erfasst, sie nimmt in seinem Entwurf des 'Arbeitens' mit Papier eine zentrale Stelle ein.

Die vielen losen Stapel über und über vollgezeichneter Papiere vermitteln einen Eindruck dessen, wie Peirce mit Inskriptionen im Sinne von Latours "immutable mobiles" gearbeitet hat.

In einer Aussage zur Abhängigkeit des Denkens von der graphischen Praxis formuliert Peirce:


# Abb. Zitat


"A psychologist cuts a lobe of my brain and then, when I cannot express myself, he says ‚You see, your faculty of language was localized in that lobe.’ No doubt it was, and if he had emptied my inkstand, I should not have been able to continue my discussion until I had got another. The very thoughts would not come to me. – So my faculty of discussion is equally located in my inkstand." (CP 7.366)


Grundlegend wichtig sind nach Peirce die Möglichkeit und Fähigkeit zur Graphie also nicht nur für komplizierte Computationen, die die Grenzen rein mentalen Prozessierens überschreiten, vielmehr sind Stift und Papier die Voraussetzung dafür, dass bestimmte Gedanken überhaupt entstehen und sich längere Gedankenstränge entwickeln können. Peirce formuliert in der eben zitierten Passage avant la lettre eine Kurzfassung des Ausgangspunktes, von dem aus das kognitionswissenschaftliche Funktionsmodell des „Extended Mind“ entworfen wurde.

In Bezug auf den von Clark/Chalmers angenommenen „Active Externalism“ erläutern die Autoren:


# Abb. Zitat


"In these cases, the human organism is linked with an external entity in a two-way interaction, creating a coupled system that can be seen as a cognitive system in its own right. All the components in the system play an active epistemic role, and they jointly govern behavior in the same sort of way that cognition usually does. If we remove the external component the system’s behavioral competence will drop, just as it would if we removed part of its brain. Our thesis is that this sort of coupled process counts equally well as a cognitive process, whether or not it is wholly in the head."


Um nun diesen Teil zu Peirce abzuschließen und den als Messlatte im Urwald stehenden Latour aufzusuchen, hier eine pragmatistische Charakterisierung der Schlussfolgerungsweise der Abduktion, die diese als einzigen Ausweg aus der Undurchschaubarkeit eines Dschungels empfiehlt, der im Eifer des Aufzeichnens von Daten entstanden ist:


# Abb. Zitat


"A mass of facts before us. We go through them. We examine them. We find them a confused snarl, an impenetrable jungle. We are unable to hold them in our minds. We endeavor to set them down upon paper; but they seem to be so multiplex intricate that we can neither satisfy ourselves that what we have set down represents the facts, nor can we get any clear idea of what it is that we have set down. But suddenly, while we are poring over our digest of the facts and are endavoring to set them into order, it occurs to us that if we were to assume something to be true that we do not know to be true, these facts would arrange themeselves luminously. That is abduction... " (EP2, 531f., footnote 12)


# Abb. Latour im Urwald

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2. Vermessungen — Bruno Latour im Urwald, Dieter Roth im Atelier


Wenn Künstler und Wissenschaftler bei ihren Erkundungen der Welt "Daten sichern", verwenden sie dafür zumeist "Schreiben und Zeichnen als Verfahren der Aufzeichnung", um noch einmal den Titel des bereits erwähnten Bandes zu zitieren. Unter anderem in dieser Hinsicht lassen sich die Praktiken beider Gruppen von Akteuren aufschlussreich miteinander vergleichen.


Den Begriff des Verfahrens bestimmt Christoph Hoffmann folgender Maßen:

"Im Schreiben und Zeichnen werden nicht nur Wissensbestände bewahrt und übermittelt. Es ergeben sich zugleich spezifische Möglichkeiten, Erfahrungen und Überlegungen neu anzuordnen. Schreiben und Zeichnen müssen auch als epistemische Verfahren verstanden werden, die im Akt der Aufzeichnung an der Entfaltung von Gegenständen des Wissens teilhaben." (1, 13) - Zitat Ende -

Ausgehend von der Annahme, dass es sich beim Schreiben und Zeichnen im Rahmen des Aufzeichnens um "gerichtete, strukturierte Abläufe" handle, sieht Hoffmann das "enger Verfahrensmäßige" in den "je besonderen im Schreiben und Zeichnen realisierten Aktivitäten." (1, 12)

Als Beispiele hierfür werden das Anfertigen von Diagrammen, das Führen von Protokollen, das Schreiben von Notizen in den Marginalien eines Buches sowie das zeichnerische Erfassen eines Objekts am Mikroskop genannt (1, 13). Zu Perspektive und Methode der Untersuchung solcher graphischer Praktiken unter dem Aspekt des "Verfahrens" heißt es weiter: "In der Durchsicht größerer Folgen von Aufzeichnungen kann man ikonische und symbolische Repertoires verzeichnen, Typologien des Vorgehens unterscheiden, Routinen identifizieren und so allmählich lernen, im Aufgezeichneten und in gewissem Maße gegen dessen Inhalt, der nach einer anderen Form des Studiums verlangt, das Prozedurale der Aufzeichnung zu erkennen." (1, 13)


Eine der zentralen Erkenntnisse des Forschungs- und Publikationsprojekt "Wissen im Entwurf" besteht denke ich darin, wie eng der Zusammenhang von Aufzeichnungsprozessen und Paperwork tatsächlich ist..


Ob künstlerische Selbst-Beobachtung oder wissenschaftliches Experiment, ob künstlerisches Experiment oder wissenschaftliche Beobachtung – immer führen die unter mehr oder weniger explizit formulierten Fragestellungen durchgeführten Hinwendungen zur Welt zu einer Masse von Daten, die bewältigt oder überwältigt werden müssen, damit wir schließlich - Zitat - "auf etwas zeigen können, das sich mit dem Auge beherrschen lässt." (217)

Diese Beherrschbarkeit des aufgezeichneten Daten-Materials durch das Auge, von der Latour in seinem Aufsatz zum "Pedologenfaden" spricht, ist für die Möglichkeit der Deixis (?) ebenso entscheidend wie für die der Weiterverarbeitung der Aufzeichnung als "immutable mobiles" und mit gewissen Einschränkungen ist sie auch Voraussetzung für die Betrachtbarkeit eines künstlerischen Werkes. Auch hier trägt also die behauptete Parallele von künstlerischen und wissenschaftlichen Praktiken, die in Latours Aufsatz "Drawing Things Together" aufscheint, ohne ausgeführt zu werden und im "Pedologenfaden von Boa Vista" unerwähnt bleibt, da sie nicht in den Untersuchungsbereich der von Latour so charakterisierten "photo-philosophischen Montage" zu fallen scheint, mit der er beabsichtigt - Zitat - die "Erzeugung der Referenz in den Wissenschaften verstehen zu lernen." (214)

Gleichwohl ließe sich mit Blick auf den poetischen, teils tagebuchartigen Stil sowie seine auf Analysen von ihm aufgenommener Fotos basierenden Vorgehensweise behaupten, dass Latours Text-Bild-Montage selbst eine deutliche Nähe zu künstlerisch-literarischen Projekten aufweist und daher in sich durchaus eine – wenn auch implizite – Reflexion zur Verwandtschaft künstlerischer und wissenschaftlicher Praktiken beinhaltet. Ganz abgesehen von den mittels seiner Montage beschriebenen Techniken der Diagrammatisierung des Urwaldbodens, die er als einen Prozess darstellt, der nicht zuletzt auf Wahrnehmungsurteilen basiert und die Sinne in teils schwer objektivierbarer Weise in Anspruch nimmt - vom Schmecken und Fühlen der Erde, über das Sehen von Farben, bis hin zum Bestimmen von Stand-, Bohr- und Messpunkten anhand visueller Kriterien, aber auch wissenschaftlicher Intuition.

Unter anderem diese selbstreflexive Verschränkung (die sich auch in den Latour beim Arbeiten und als Messlatte im Urwald stehenden zeigenden Fotos ausdrückt) von anthropologisch-philosophisch-literarischer Text-Bild-Montage mit den beschriebenen Prozessen machen die methodische Eleganz, aber auch Komplexität sowie das erkenntnistheoretische Potenzial dieses Essays von Latour zur Epistemologie des Paperwork aus.


# Abb.

 

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1. Pedologenfaden

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2. Pedokomparator / Diagramm

 

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3. Latour an der Schreibmaschine zwischen seinen Papieren: "Die Transformation des Urwaldbodens geht weiter... "


Ungefähr zur selben Zeit, zu der Latour im brasilianischen Regenwald als Philosoph – wie er mehrfach betont – Wissenschaftler beobachtet und seine Beobachtungen schreibend, fotografierend und vielleicht auch zeichnend aufzeichnet, sitzt der schweizer Künstler Dieter Roth in seinem Basler Atelier und führt ebenfalls ein Beobachtungsexperiment durch, das er mit einem noch höheren Grad an Selbstreferenzialität ausstattet.


# Abb. Essay 11

 

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Auch er bedient sich dafür des Fotografierens und Schreibens sowie des Zeichnens. Auch er nimmt von ihm aufgenommenen Fotos zum Ausgangspunkt seines Schreibens. Genauer gesagt sind es Polaroid-Schnappschüsse, die er beschreibt, kommentiert und ansatzweise narrativ miteinander verbindet. Roth hat bereits vor dem hier besprochenen "Essay Nummer 11", ein transmediales Selbstbeobachtungsprojekt durchgeführt, das er schlicht "Tagebuch (aus dem Jahre 1982)" nannte. Er hat also bereits Erfahrungen damit gesammelt, welche medialen Hindernisse sich der Aufzeichnung der eigenen Umgebung wie der Selbstaufzeichnung in den Weg stellen. Schließlich realisiert er 1998 noch einmal ein ähnlich angelegtes Projekt, das er "Solszenen" nennt und das ihn auf 128 Monitoren in seinen unterschiedlichen Ateliers agierend zeigt.


Man könnte also behaupten, dass Roth dasselbe Experiment in leicht veränderten Anordnungen mehrfach durchführt und davon ausgehen, dass es sich bei den genannten wiederholten Selbstbeobachtungsprojekten Roths um Experimentalsysteme im Sinne Hans-Jörg Rheinbergers handelt. Zu einer solchen Situation schreibt dieser:

"Je besser er oder sie lernt, mit seinem Experimentalsystem umzugehen, desto erfolgreicher bringt das System seine eigenen Möglichkeiten zur Geltung. Es macht sich gewissermaßen unabhägig von den Wünschen des Forschers, gerade weil er oder sie es mit allem verfügbaren Geschick gestaltet hat. Wie anders sollte auch Wissen erzeugt werden?" (53)


Der experimentellen Anordnung Raum zu geben, sich zu entfalten und ihr Eigenleben zu entwickeln, gleichzeitig aber die Möglichkeit zur Aufzeichnung der dabei entstehenden Daten aufrecht zu halten sind demnach Faktoren, die bestimmend sind für die Effizienz des Systems.


In Roths Atelier wie im sorgfältig abgegrenzten Urwald-Quadranten ist die Überschaubarkeit des Raumes gegeben, der mittels der experimentellen Anordnung erforscht wird.

Im Urwald bedarf es für diese Begrenzung des Einsatzes eines so simplen wie genialen Werkzeugs, des Pedologenfadens, der es erlaubt, eine Fläche zu bestimmen, deren pedologische Eigenschaften in ihren räumlichen Relationen im Pedokomparator und dem dazugehörigen Diagramm abgebildet werden.


In Roths Atelier geschieht Vergleichbares. Aus punktuellen Bohrungen in Form von Fotos, Skizzen und Textfragmenten werden Darstellungen von Schichtungen gewonnen und als Proben nebeneinander angeordnet, um sie wie im Falle der Bodenproben vergleichbar zu machen.


# Abb.

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Polaroids, die Schichtungen und das Entstehen von Schichtungen zeigen

Fotos von Fotos und Notizbuchseiten.

Abbilden und Diskutieren der Werkzeuge, deren Funktionieren (und Nicht-Funktionieren).

Kartographie des Ateliers, des Schreibtischs, der Küche, des Abfalls.


Roth agiert in seinen Experimenten zu einer Epistemologie der Inskription alleine, in einigen seiner Arbeiten vor laufender Kamera, im hier besprochenen Fall des "Essay Nummer 11" ist das experimentelle Setup jedoch schlichter ausgestattet und besteht lediglich aus Hand, Stiften, Papier und Polaroidkamera.


Die technisch simple Atelier-Anordnung versagt jedoch ebenso wie man das von avancierteren Anordnungen gewöhnt ist und produziert in kontingenter Weise produktive Spuren:

die Inskriptionswerkzeuge, die Rotring Rapidographen, trocknen ein, die Polaroidfotos sind unscharf, die den Stift führende Hand ist zittrig oder dreckig und hinterlässt Spuren, die sich ihrerseits kommentieren und weiterzeichnen lassen oder der Kopf ist umnebelt, sei es von Entzugs- oder Erkältungserscheinungen.


Die Isolation sowie die daraus resultierende zirkuläre Struktur dieser Anordnung, aus dem es kein Entrinnen gibt, findet sich unter anderem in den Fotos wieder, die Details und Raumansichten des Wohnateliers, Blicke aus dem Fenster und das Selbstporträt des Künstlers wiedergeben —

jedoch keine Totale, die einen Überblick gewähren würde und kein Außen, das als Korrektiv dienen könnte. Beim Lesen der über einen Zeitraum von zwei Wochen geschriebenen Texte drängt sich der Eindruck auf, dass Roth in dieser Zeit sein Atelier nicht verlassen und zu keinem anderen Menschen Kontakt hat.


Zum Verständnis dieses Setups sei hier noch einmal Peirce mit einer Anmerkung zur Dialogizität des Denkens zitiert, nach der auch noch das einsame Denken ein dialogischer Prozess der Interpretation von Zeichen ist, der dann als Selbstgespräch verläuft:


# Abb:

 

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"Wir denken in Zeichen; und tatsächlich hat das Nachdenken die Form eines Dialogs, in dem man ständig an das Selbst des folgenden Augenblicks appeliert, zu billigen ..., dass die Zeichen wirklich die Objekte darstellen, die sie vorgeben darzustellen. Logik ist deshalb fast ein Zweig der Ethik, da sie die Theorie der Kontrolle der Zeichen hinsichtlich ihrer Relation auf ihre Objekte ist." (NEM 3:2, 1908)" (Pape, Bildnerisches Denken, 77)


# Abb.

 

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1. Zitat Flüstern, Denken, Schreiben...

2. "said, to myself, walking past this office table...


Das Vermessen vollzieht sich im Abschreiten der immergleichen Wege durch das bewohnte, vertraute Atelier, das sich im Aufzeichnen und dem Wiederlesen und Wiederbetrachten des Aufgezeichneten immer wieder entfremdet. Dabei ist das kontinuierliche Fremdwerden eine Folge des Wiederlesens des zuvor – von einem bereits vergangenen Selbst – Aufgezeichneten Teil der Methode. Dadurch entsteht eine extreme Nahsicht auf die Dinge der begrenzten unmittelbaren Umgebung, die dazu führt, dass minimalste Differenzen an die Oberfläche gebracht werden.


Ziel dieser Vermessung ist nicht die Erstellung eines sauberen Diagramms des Ateliers und der sich darin abzeichnenden Grenzen. Eine solche Darstellung würde auf bewältigten Daten basieren. Hier geht es vielmehr um das Protokollieren selbst, das das Sichverschieben der Grenzen von Innen und Außen im Prozess der Aufzeichnung aufzeichnet.


# Abb. unscharfes Polaroid

 

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Das Abschreiten von Gedanken- und Ateliergängen überlagern sich im Text und in den unscharfen Fotos, die das Atelier als ein undeutlich gewordenes Nachbild der Imagination erscheinen lassen.


# Abb. Inskription

 

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Der durch die sich labyrinthisch entiwckelnde Denkfigur des "Ateliers" gesponnene Faden ist die Inskription, die zwischen Schreiben, Zeichnen, Kritzeln changiert


In anderen kartographischen Arbeiten wie dem Boden einer von ihm bewohnten Hütte auf Island schafft Roth eine Vermessung als Index, in skulpturalen Arbeiten wie der in 25 Jahren entstandenen "Großen Tischruine" schafft er durch Leim-Fixierung eine erstarrte Landschaft künstlerischer Aktivität. Im Gegensatz hierzu ist das Experimentalsystem "Essay Nummer 14" eine 'inhärent offene Anordnung', um noch einmal mit Rheinberger zu sprechen. (57)

Dieser epistemisch relevanten, inhärenten Offenheit für unvorhersehbare Ereignisse steht die räumliche und technische Begrenztheit gegenüber, die die Konzentration auf einen sehr kleinen Ausschnitt der Welt ermöglicht. Ob dieser Ausschnitt jedoch der Innen- oder Außen-Welt zuzuordnen ist, wird kontinuierlich in Frage gestellt, im Sinne von Roths Annahme, dass wir Menschen von einer inneren und einer äußeren Fremde umgeben seien und es kein uns unmittelbar zugängliches, vertrautes Inneres gäbe.


"Essay Nummer 11" lässt sich also als ein Verfahren beschreiben, in einer ähnlichen Form wie Rüdiger Campe in seinem Beitrag zu einem der Bände von "Wissen im Entwurf" das "Sudelbuch" als Bezeichnung für ein Schreibverfahren Lichtenbergs ausfindig gemacht hat.


# Abb. Raster, Layout

 

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Abschließend noch eine Bemerkung zum Layout, das hier in seiner Ambivalenz zwischen regulierender Form bzw. diagrammatischem Formular und Kontingenz aufnehmende Seite gezeigt wird.


- Formular: Zweispaltiger Aufbau, Layout der Seite als Formular zur Aufzeichnung von Daten, schematische Darstellung mit sechs Polaroids, die die Seite füllen,

- Regulierung und Konflikt mit dem (selbst) vorgegebenen Formular werden sichtbar / aufgezeichnet.


Gegenstand des Experiments ist also nicht zuletzt das Problem der Erfassung der gewonnenen Daten in der die unterschiedlichen Geschwindigkeiten des Aufzeichnens, des inneren und äußeren Sprechens, des Schreibens ebenso kollidieren ebenso wie die des Sehens und Fotografierens.


Anders als im regenwurmfreie Bodenproben enthaltenden Pedokomparator, den die Wissenschaftler aus dem Urwald von Boa Vista mitnehmen, ist die Situation im "Essay Nummer 11" nicht stillgestellt und nicht auf einen Blick mit dem Auge beherrschbar. Es erfolgt auch keine von Fingerabdrücken bereinigte Diagrammatisierung der Ergebnisse, die als Illustration eines Aufsatzes über das Vorrücken oder Zurückweichen der inneren oder äußeren Fremde verwendet werden könnte.

Für die Publikation seines Protokolls fotografiert Roth vielmehr eine Serie loser Seiten ab, fingiert damit nebenbei auch die materielle Kontinuität eines Notiz- oder Tagebuches, bringt sie in die den eingetragenen Datierungen entsprechende chronologische Reihenfolge und präsentiert schließlich die Ergebnisse seiner topographischen Erkundung als ein Künstlerbuch, jedoch als eines, das auseinanderzufallen droht.

Und tatsächlich gibt es eine weitere Ausgabe, eine Sonderausgabe, in der die Seiten lose in einer Plastikmappe versammelt sind. Die von mir verwendete so genannte Volksausgabe ist 1988 im Dieter Roth's Verlag erschienen und enhält 24 Seiten, die einseitig bedruckt und im Zeitraum vom 13. bis 25. Januar 1988 datiert sind. Durch die einseitige Bedruckung verstärkt sich der Eindruck einer Lose-Blatt-Sammlung, durch die unregelmäßigen schwarzen Ränder werden die einzelnen Seiten als Untersuchungsgegenstände präsentiert. Dadurch, dass sie erkennbar auf einer für das Abfotografieren verwendeten Oberfläche liegen sowie durch die in den Marginalien erhaltenen Druckmarken und Farbskalen wird der Prozess der Reproduktion sichtbar gemacht.


So wird in der Weiterverarbeitung der Aufzeichnungen für die Publikation auf eine so einfache wie effektive Weise eine Distanznahme eingebaut, die "Essay Nummer 11" als Verfahren betrachtbar werden lässt.

Denn die solcher Art im Layout der Druckseite sichtbare Technik der Reprofotografie macht die abgebildete Seite als Träger von Inskriptionen zum Untersuchungsgegenstand und stellt das Paperwork selbst in den Vordergrund. (Deflation, Verflachung des Polaroid, der Schreibtischoberfläche, vgl. Topographie des Zufalls)


Abschließend könnte man sagen, dass das Verfahren "Essay Nummer 11" der Sichtbarmachung von Beobachtungs-Aktivitäten dient, die zu Inskriptionen führen und von denen Latour in "Drawing Things Together" feststellt, dass sie leicht übersehen werden, "since they are so practical, so modest, so pervasive, so close to the hands and the eyes that they escape attention". (3)





Beispielseiten zeigen und hierauf eingehen:

a) Experiment zur Bestimmung der instabilen Grenzen von Außen- und Innenwelt, Denken und Sprechen, Schreiben und Zeichnen – Aufzeichnen des Vor- und Zurückweichens der Innen- und Außenwelt im Prozess der Aufzeichnung: "Stillife with Inside-Outside-Landscape and Person (Self?)" (1-2) - unklar, ob Innen- Außen oder Außen- Innen-Landschaft verdrängt – Metapher künstlerischen Erkundens der Welt – Vermessen nicht vermessbarer Landschaften


b) Diagramme zur Vermessung von: Abfall und Kunst (Kultur / Natur, Urwald / Savanne)

Fotografisches Abbilden der Schichtung von Abfall (3-1)

Fotografisches Abbilden der Schichtung von Übermalungen, Überschreibungen (4-2)

Struktur, Bruch, Diagramm (5-1)

Bestimmen der Grenzen und Übergänge von Zeichnen und Schreiben (Linie kann als Relikt des Zeichnens wie als Beginn des Schreibens gesehen werden, Status bleibt unklar, lässt sich nicht entscheiden).


c) Eigendynamik der Inskription, Eigenleben der aufgezeichneten Spuren, Kontingenz

"wider view of laundry situation, laundry partly on boxes, in boxes parts of my collection of manuscripts and catalogues, long story of collecting" (3-2)

Symbols grow, jede Inskription wuchert weiter, Datenstrom lässt sich nicht bannen, wehrt sich gegen das Formular.


- Inskription und Kontrolle: Moritz Epple sieht eine der epistemischen Funktion graphischer Praktiken in der Kontrolle der Imagination.